SANDSTEIN-FENG-SHUI IM SKAZKA CANYON

Vom schönen Yurt Camp Bel Tam bei Bokonbaevo ziehen wir mit unseren Backpacks weiter am Südufer des Issyk Kul entlang. Unser nächstes Ziel ist die ca. 40 km östlich gelegene kleine Ortschaft Tosor, wo wir uns wieder ein Homestay suchen wollen, um von dort aus ganz entspannt den märchenhaften Skazka Canyon zu besuchen. Eigentlich könnten uns die zwei mit Koffern im Mietwagen reisenden schwizer-dütschen Jungs auf ihrem Weg nach Karakol das kurze Stück mitnehmen. Aber die zwei Burschen überhören beim Frühstück geflissentlich unsere humorigen Andeutungen in dieser Richtung und stecken beim anschließenden Packen ihre Köpfe nur noch tiefer in ihren Luxus-Kofferraum.

Wir arrangieren uns also kurzerhand mit einer jungen, super sympathischen New Yorkerin, mit der wir erst einmal das Taxi nach Bokonbaevo teilen. Dort dauert es gar nicht lange, bis die Marschrutka nach Karakol ausreichend gefüllt ist und den Motor anlässt. Lea startet zeitgleich die Navigation auf dem Handy, nicht dass wir noch übers Ziel hinausschießen.

Unterwegs passieren wir viele kleine Badeorte oder eher Häuseransiedlungen, mehr oder weniger schön, auf jeden Fall abseits der Hauptdurchgangsstraße zumeist staubig. So recht erkennen kann man nicht, wann ein Ort anfängt und wann er aufhört. Eine Dorfmitte oder einen zentralen Busstop sucht man auf der Geraden vergeblich. Und schwupp, schon wären wir fast durch Tosor durchgerauscht, wenn Lea nicht aufgepasst hätte: BAJA! Wir wollen hier aussteigen!

Der Fahrer entlädt unser Gepäck aus dem Kofferraum und nun stehen wir hier. Wieder einmal an einer endlos langen Straße, wieder einmal mit eher spärlicher Beschilderung – obwohl es hier laut Reiseführer so viele Zimmer zu vermieten gibt?! Aber der Ort hat was: die hübschen kleinen Häuschen, die türkis-blauen Lattenzäune, das Grün der Gärten mit Pappeln, Weiden und vielen Obstbäumen wie Aprikose, Kirsche, Feige und Apfel sind ein wohliger Kontrast zur Asphaltstraße an der sie liegen.

Und wieder einmal weiß Maps.me Rat und dirigiert uns auf der Suche nach einer Unterkunft rechter Hand eine Feldstraße entlang. Die Entscheidung, in welchem der Gästehäuser (DOM) wir unser Haupt für die kommende Nacht niederlegen wollen, fällt der Bauch – rein optisch können wir uns nur für ein schöneres der haushohen Tore und für eine vielleicht schickere oder neuere Hauswand hinter den Mauern entscheiden – wobei auch da die renovierte Außenwand über den Ist-Zustand des Gebäudes hinwegtäuschen kann. Wir laufen ziemlich weit und kommen ziemlich nah zum Strand. Strandlage selbst gibt es in Tosor aber nicht, ein naturbelassener Korridor sorgt für ausreichend Abstand. Das letzte der Guesthouses wird das unsrige, neugierig stecken wir die Köpfe durch das große Metalltor in den Hof. Aha, alles sauber zubetoniert, die Familie setzt wohl auf vermehrten Tourismus und hat ein ganzes Nebengebäude mit Zimmern ausgestattet.

Zu unserer Erleichterung sehen die Zimmer gemütlicher aus, als der Vorhof. Das ist ja richtig feudal, wir haben sogar ein eigenes Bad! Nur mit dem Englisch-Vokabular für Individual-Touristen müssen die liebe Mama und ihre zwei fade dreinschauenden Jungs noch ein bisschen aufholen. Mit Händen, Translator, Calculator und Block nehmen wir aber auch diese Hürde und klären, was wir zu bezahlen haben, dass wir vegetarisch essen möchten und um welche Uhrzeiten wir zu Tisch kommen.

Nun steht einer Erkundung von Tosor und dem hiesigen Strandabschnitt des Issyk Kul nichts mehr im Wege. Der Himmel ist weiß-blau, aber es ist doch ganz schön windig und frisch. Zudem ist der Wellengang bei dem steinigen Untergrund auch nicht ohne, weshalb wir es vorziehen, entspannt im Sand zu flacken, zu lesen und den Strand spazierend zu genießen. In Kirgistan hat gerade erst der Sommer begonnen und es ist Donnerstag, wir wissen nicht, ob in der Saison oder am Wochenende mehr los ist, aber heute ist hier der sprichwörtliche Hund begraben. Nicht zu unserem Nachteil …

Auf dem Rückweg durchstreifen wir gedankenverloren das Dörfchen, wundern uns über die wilde Bauerei, über Neubau-Ruinen hinter fertig errichteten Mauern, über gewaltige Metalltore mit Löwenmotiv neben dem Holzbretterzaun und erfreuen uns links und rechts des Weges am frischen Grün oder den strahlenden Rosenblüten im Vorgarten. Wieder zurück an der Durchgangsstraße werfen wir noch einen Blick in die beiden Läden von Tosor – natürlich auf der Suche nach unserer Lieblingslimonade und süßem Reiseproviant. Das Angebot an Keksen ist enorm, da fällt uns die Wahl wirklich schwer – was die Ladnerin mit Blick auf die immer voller werdenden Tüten mit einem zufriedenen Lächeln zur Kenntnis nimmt.

Jetzt aber nichts wie heim ins Guesthouse, schließlich wollen wir noch rechtzeitig zum Skazka Canyon und dort die Abendstimmung einfangen. Lea tut gut daran, ihre Wanderschuhe anzuziehen, ich entscheide mich hingegen für die Nikes, was ich später auf den sandigen Felsen doch etwas bereue. Outdoormäßig ausgestattet marschieren wir wieder den langen Weg zurück zur Hauptstraße. Ob wir um diese Zeit überhaupt spontan eine Mitfahrgelegenheit erwischen? Und wo stellt man sich an dieser km-langen Durchfahrtsstraße am besten hin? Noch während wir unsere Gedanken verbal austauschen, braust schon die erste Marschrutka heran … schnell signalisieren wir optisch mittels gesenktem Handwedeln unsere Mitfahrambitionen … und die Marschrutka hält!!! Ha, was für ein Erfolgserlebnis! Wir haben keine Minute gewartet und rollen schon unserem märchenhaften Naturspektakel entgegen.

Das Schild am Fairytale Canyon ist nicht zu übersehen. Von der Straße führt ein staubiger Weg erst an der Cassa vorbei und schlängelt sich dann weiter durch gelbe Erd- und Sandhügel mit einer ganz besonderen Vegetation. Wie immer bekommt man nichts geschenkt in Kirgistan. Damit meine ich nicht den lächerlichen Eintrittspreis von 50 SOM, sondern den 2 km langen Fußmarsch bis zum eigentlichen Herzstück der Sandstein-Formation.

Zumindest kommen wir aber gut voran, was man von einer motorisierten Reisegruppe nicht behaupten kann. Deren Minibus steckt im Sand fest und alle stehen ziemlich deppert schauend rundum, während das Gefährt sich bei jedem Startversuch tiefer ins Erdreich gräbt. Wohl noch nie einen Abenteuerfilm geschaut? Material zum Unterlegen gäbe es eigentlich zu Genüge …

Aber wir hüten uns, den allwissenden Männern einen Wink zu geben, und setzen schmunzelnd unseren Weg fort. Die späte Nachmittagssonne taucht die immer bunter werdenden Sandstein-Berge in ein wunderbar warmes Licht. Und dank der überschaubaren Anzahl von Feierabendtouristen, können wir dieses von der Natur geschaffene Kunstwerk auch nahezu alleine genießen.

Zwei Stunden verlieren Lea und ich uns in dieser Märchenwelt, klettern auf Hügel, folgen Wasserrinnen wie in einem Labyrinth, spähen über Abbruchkanten in ein weiteres Tal und genießen mit vielen Ohs und Ahs die in den schönsten Herbsttönen leuchteten Erdbilder, Falten und Rinnen, Zinnen und Türme, Kegel und Platten … und in der Ferne leuchtet blau das kirgisische Meer.

Die wohlige Stimmung des Natur-Feng-Shui breitet sich in unserem Brustkorb aus. Ob das Brautpaar beim Shooting dort oben auch so tiefenentspannt ist, wie wir gerade?

Übrigens, die „versandete“ Reisegruppe hat es auch noch in den Canyon geschafft. Anscheinend hat sie aber nur noch Zeit, sich das Ganze aus der Ferne anzuschauen – wir nehmen an, weil im Hotel schon wieder das Dinner wartet.

Als die Sonne sich langsam verabschiedet, geht es auch für uns mit den kirgisischen Öffis wieder zurück nach Tosor. Alles in allem hat uns dieser wunderbare Ausflug 150 SOM , also noch nicht einmal 2 € pro Person, gekostet. Und „zuhause“ in Tosor hat die „Mama“ für uns in der Gartenlaube den Tisch ganz schick mit weißer Decke und dem besten Geschirr eingedeckt. Jetzt sind wir aber auch hungrig und lassen uns zwei neue kirgisische Spezialitäten schmecken: Oromo, das sind vegetarisch gefüllte Teigtaschen und Belmeni, das sind sozusagen Tortellini, in der Brühe. Es schmeckt alles super lecker.

Der Wind frischt auf, als die ersten Regentropfen fallen, stürzen alle in den Garten, um die Wäsche von der Leine zu reißen. Danach verschwinden sie in der heimeligen Wohnküche und wir zwei im Bett.

Essen – Schlafen – Essen, so lässt es sich leben. Der Frühstückstisch ist genauso einladend und reich gedeckt wie das liebevolle Abendessen gestern. Schade, dass die zwei faden Söhne nicht ein bisschen was vom Esprit und der Tatkraft der Mama geerbt haben. Immer wieder bestätigt sich unser Eindruck, dass die Frauen den Laden schmeißen und die Männer derweil müßig gehen. So schaut der junge Heranwachsende auch nicht begeistert, als er den Auftrag hat, uns mit unseren Backpacks mit dem Auto bis zur Hauptstraße vorzufahren. Unsere nächste Station ist Karakol am östlichen Ende des Issyk Kul.

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