AUF VIER BEINEN VON TASH RABAT ZUM CHATYR KÖL

Nun wollte ich mich für unsere 3-Tages-Outback-Tour noch ein bisschen aufbrezeln – Pustekuchen! Im Guesthouse in Naryn gibt’s zumindest zu dieser frühen Morgenstunde kein warmes Wasser und mit dem überschaubar aus dem Hahn tröpfelnden Rinnsal folglich keine Dusche. Na, dann muss es auch so gehen, werde ja nicht gerade auf der kirgisischen Sommerweide (Jailoo) auf meinen Traummann treffen.

Zum Frühstück um 8 Uhr gibt es – welche Überraschung – Pizza! Ich muss sagen,  gar nicht so schlecht und eine  willkommene Abwechslung zu den Eierspeisen bisher. Pünktlich um 9 Uhr stehen wir mit unserem vollständigen Gepäck am Tor des Guesthouses. Neben den Tagesrucksäcken und den Backpacks nehmen wir auch noch ein paar Snacks für die Fahrt und einen 6 l Kanister mit Wasser mit. Es ist 5 nach und wird 10 nach … Mir schwant, dass unsere dreimalig getätigte Abmachung zur Abholung am Guesthouse wohl wieder einmal der kirgisischen Vergesslichkeit anheim gefallen ist. Gulira hat uns in ihrem liebenswerten Chaos versetzt: der Fahrer steht beim CBT-Office und wir beim Guesthouse. Eine kurze WhatsApp bringt Aufklärung und den Fahrer Milan mit schickem 4-wheel-drive-Auto direkt vor unsere Tür. Er wird uns von Naryn zur Karawanserei Tash Rabat undspäter durchs Tii Ashuu Tal nach Chatir-Tash fahren.

Um 9.30 Uhr starten wir also mit Privatlimousine und eigenem Chauffeur Richtung Süden. Milan ist ein eher schüchterner Mensch, was uns in Bezug auf seinen Fahrstil nur zugute kommt. Er spricht etwas Englisch und versucht  auch rege, die Kenntnisse an uns anzuwenden. Trotzdem ist er nach Ausschöpfen seines Vokabularschatzes auch sichtlich erleichtert zu hören, dass wir uns während der Fahrt auch mit kirgisischer Musik zur Unterhaltung begnügen. Wobei wir erst später feststellen, dass auch Milans Musik-Repertoire sehr begrenzt ist. Einmal mitgewippt oder mitgesummt und schon hat Milan die Signale als Wohlwollen interpretiert, was zur Folge hat, dass 20 Wiederholungen von „Schicki-schicki-dawa“ (oder so ähnlich) aus den Lautsprechern schallen. Auch mit dem Song „Osh to Bishkek in Mercedes“ kann er bei uns punkten. Wir sind überzeugt, dass Milan schon als kleiner Bub davon geträumt hat, einmal Chauffeur zu werden. Hinter sein Lenkrad geklemmt legt er sich mit vollem Körpereinsatz in jede Kurve wie ein kleiner Bobbycar-Fahrer. Es ist sehr amüsant, ihm dabei zuzusehen.

1 1/2 Stunden  folgen wir der autobahnähnlichen Straße gen Süden. Faszinierend sind die Variationen der sanften Hügel und Berge. Oft wüstengleich trocken und kahl, farblich fast weiß, dann wieder ein warmer Gelbton, der in orange-rotes Gestein übergeht. Richtung Süden türmen sich grüne Hänge vor den schneebedeckten Gipfeln des Tien Shan. Auffallend ist, dass die bisherige Landschaft von der Hauptstadt Bishkek bis in den tiefen Süden nahezu völlig frei von Baum- und Sträucherbewuchs ist. Mit nur 4% Waldfläche ist Kirgistan eines der waldärmsten Länder Asiens. Die Region ist nur dünn besiedelt, es gibt offensichtlich mehr Kühe, Schafe und Pferde als Menschen.

Um 11 Uhr wechselt der Untergrund, eine holprige Schotterpiste führt uns in einer weiteren 3/4 Stunde zu unserem ersten Tagesziel: Tash Rabat.

Tash Rabat ist eine Karawanserei der berühmten Seidenstraße, die hier  seltsamerweise mit „Silk Way“ ins Englische übersetzt wird. Ehrlich gesagt,  hatten wir uns das Gebäude zum Zwecke der Unterbringung von Reisenden und Lasttieren um einiges größer vorgestellt. Insbesondere wenn man die flächenmäßig eher kleine Steinburg mit der daneben aufgewachsenen Jurtenstadt für Neuzeit-Reisende vergleicht. Es herrscht reges Treiben und auch kirgisische Urlauber und Wochenend-Ausflügler breiten hier ihre Picknick-Decken aus.

Milan bringt uns zuerst einmal zu der Familie, bei der wir Guide und Pferde für das Zweitage-Trekking zum Chatyr Köl klar machen können. Oder auch nicht … denn die 6 Pferde der Familie sind seit dem frühen Morgen mit einer Touristengruppe unterwegs zum Pass. Das wäre ja jetzt ein Ding! … uns fällt kurz die Kinnlade vor Enttäuschung zu Boden. Aber schon schwingt sich der Sohn auf seinen Kurzstrecken-Gaul und galoppiert kurzerhand zum Nachbar weiter unten im Tal. Wenn er von dem zwei Pferde leihen kann,  steht unserem Abenteuer nichts mehr im Weg. Juchu!!

Derweil machen wir uns daran, eines der sehr wenigen geschichtsträchtigen Gemäuer Kirgistans zu besichtigen. Die Seidenstraßen-Karawanserei Tash Rabat wurde im 15. Jahrhundert in 3500 m Höhe erbaut und verfügt über 31 Zimmer, die Haupthalle hat einen Durchmesser von etwas über 9 m. Steht man in einem der minikleinen, niedrigen Schlafräume, dann muss man wohl annehmen, dass Klaustrophobie damals noch keine Rolle gespielt hat. Selbst wenn man sich hier und da noch geometrische Alabaster-Dekorationen vorstellt, so wird es einem auch mit sehr viel Phantasie nicht wirklich warm ums Herz.

Vom edelweiss-bewachsenen Hügel nebenan sehen wir schon unsere Ersatzpferde angaloppieren. Also schnell umziehen für den Ritt, umpacken für die kalte Jurtennacht und noch einen Schluck aus der Trinkblase ziehen. Oh mein Gott, wie kommt’s? Meine Trinkblase im Tagesrucksack ist bis auf den letzten Tropfen leer!! Wo sind die 3 Liter Wasser hin, die ich gestern Abend eingefüllt habe?! Im Rucksack und im Kofferraum ist  alles trocken, das bedeutet, die 3 Liter müssen wohl heute morgen beim Packen und Stopfen in die Matratze unseres Guesthouse gesickert sein. Wie peinlich!

Naja, Wasser haben wir ja im Überfluss dabei. Jetzt aber fix, die gesattelten Pferde warten schon auf uns. In Kirgistan, wo die Kinder spätestens mit 3 Jahren das Reiten lernen, wird beim Geschirr anlegen nicht lange rumjustiert. Der einfache Holzsattel ist schief und hart, die Steigbügel zu kurz, die Auflagen nur minimal stoßdämpfend … Komfort fühlt sich anders an. Aber wir sind ja nicht im Wellness- sondern im Abenteuerurlaub.

Die kirgisischen Reitbefehle sind schnell erklärt. Den Vorwärtsgang betätigt man mit einem energischen „Tschu-Tschu“, welches bei trägen Pferden durch einen Hakentritt in die Flanken und ggf. durch einen Hieb mit der Gerte bekräftigt wird. Bremsen erfolgt wie bei uns mit dem Straffen der Zügel und einem lauten „Brrr“.


Zusammen mit unserem Guide reiten Lea und ich durch eine phantastische und einsame Bergwelt mit steinigen Bachläufen, grünen Wiesen und unzähligen trolligen Murmeltieren, die über die Hänge flitzen und uns neugierig beäugen. Immer wieder falle ich mit meinem Braunen zurück, wenn ihm steinige  Passagen nicht ganz geheuer  sind. Aber im Gras holen wir mit leichtem Trab schnell wieder auf.

Nach zwei abwechslungsreichen Stunden erreichen wir einen Talkessel. Von hier aus geht es linkerhand steil hinauf über Geröllfelder zum Tash Rabat Pass auf 3963 m.  Zeitgleich kommt von oben eine große Gruppe von mindestens 10 Reitern den Hang herunter. Wieder einmal freuen wir uns über unser Glück, alleine und nicht mit Großgruppe unterwegs sein zu dürfen. Die beiden jungen Guides, beide um die 15 Jahre alt, tauschen sich verbal und Nachbars geliehene Pferde aus. Und ehe wir uns versehen, haben wir einen neuen Guide und einen neuen Untersatz. Unsere neuen Tragetiere sind wenig erfreut, dass sie – obwohl der Feierabend für sie schon fast in Sicht war – nun wieder zwei Touris bergan über die steile Passhöhe schleppen müssen. Da kann man schon mal dickköpfig sein und immer wieder mal vom Weg abschweifen.
Dass die Sättel noch viel härter sind als die bisherigen, nehmen wir dankbar hin. Hauptsache, nicht selber die steile Schuttreise hinaufsteigen müssen.

Gegen 14.30 Uhr erreichen wir mit jeweils 1 PS den Tash Rabat Ashuu (Pass) auf 3964 m und uns bietet sich ein phantastischer Blick auf den Chatyr Köl (3500 m) und die dahinter liegenden Gipfel des zum Tien Shan gehörenden Torugart Gebirges, das bereits zu China gehört.  WOW!

Vom Pferderücken aus genießen wir die Weitsicht, bevor wir uns an den noch steileren Abstieg nach Süden machen. Puh! Das ist spannend, Luft anhalten und drauf vertrauen, dass die Pferde mit vier Haxen das schon geregelt kriegen.
Wir sind heilfroh, als wir die haltlosen Kiesbänke endlich hinter uns haben und wieder entspannt über murmeltierbewohnte Wiesen und Weiden auf die Jurten in der Ferne zureiten.

Als unser kleiner Reittrupp näher kommt, stürmt ein ganzes Rudel schwarzer Taigans furchterregend bellend auf uns zu! Oh, ich hatte mir diese kirgisische Windhundrasse eher zahm und kuschelig vorgestellt. Diese hier fletschen wild die Zähne und knurren wenig einladend. Also in diesem Jurten-Camp geh ich ganz sicher nachts nicht alleine aufs Blumsklo!! Überhaupt leben und arbeiten die Schäfer hier sehr archaisch …

Ganz so ursprünglich hatte ich mir unseren Aufenthalt nicht vorgestellt. Auch wenn der Hintern schmerzt, bin ich doch dementsprechend erleichtert, als wir weiterziehen zu einer noch entfernteren, einsamen Jurte am See.

Unsere Gastfamilie ist natürlich frühzeitig taigan-alarmiert und so steht der Chai und das Brot schon auf dem Tisch und wir haben kaum Zeit, unsere Knochen und Gelenke nach dem Abstieg von 4 auf 2 Beine neu zu sortieren.

Der Platz auf der Hochebene des 23 km langen und 10 km breiten Chatyr Köl ist einfach atemberaubend!! Obwohl dunkle Wolken aufziehen, gehen Lea und ich Richtung See, um die Weite und Stille in uns aufzusaugen. Das gewittrige Wetter zaubert tolle Licht-, Schatten und Wolkenspiele in die Landschaft. Dann das erste Donnergrollen und wir schaffen es gerade noch trocken zur Jurte.

Es gibt eine Küchenjurte, mit wärmendem Ofen, eine große Schlafjurte und drei Männer sind gerade dabei, eine dritte kleine Jurte aufzubauen. Das wird sicher die unsrige sein. Die 10-jährige Camilla grinst immer ganz keck zu uns herüber, wenn sie nicht gerade von einem ihrer beiden Brüder mit den Spielen am Smartphone abgelenkt wird oder der Mama beim Wasser holen und Fladen machen helfen muss. Wie schade,  dass wir uns nur mit Zeichensprache austauschen können und auch kein Kartenspiel eingepackt haben. Unser junger Guide ist da sprachlich leider auch keine allzu große Hilfe.

Aber es ist auch sehr heimelig, einfach nur aus der warmen Stube dem Wettersturz-Naturspektakel vor der stets nach Osten gerichteten Jurtentür zuzuschauen. Es hat angefangen zu hageln, über den Bergen auf der einen Seite hängen schwere Wolken, überm See scheint hingegen noch wunderbar die Sonne.

Wir können von drinnen anhand vom Stand der Pferde und Esel  draußen ganz genau sagen, aus welcher Richtung der Wind die Hagelkörner ranpeitscht. Ganz offensichtlich bietet das Hinterteil die kleinste und unempfindlichste Angriffsfläche.

Zu essen gibt es Gemüsesuppe und das frisch gebackene Fladenbrot. Nur Mama und Tochter leisten uns und unserem Guide Gesellschaft und füllen geflissentlich unsere Chai-Tassen auf.

Bevor die letzten Lichtstrahlen verschwinden, werden draußen noch die Schafe im Pferch zusammen getrieben. Zum einen wegen der Wölfe, zum anderen um den wertvollen Dung auf dem wandernden Schlafplatz trocknen zu lassen und für den Ofen in handliche Stücke zu stechen.

     

Um halb zehn fallen wir müde und gut warm eingepackt in die Matratzen. Zu unserer großen Verwunderung hat die ganze Familie die große Familien-Schlafjurte für den Besuch geräumt. Hurtig schaffen sie ihr Hab und Gut ins Küchenzelt und in die kleine Zusatzjurte. Oh, das ist ja schon beschämend, wenn wir zwei Hansel so viel Platz haben. Aber Diskussionen sind so unnötig wie der Versuch, irgendwo mit anzupacken oder zu helfen.

Nach tiefem Schlaf werden wir durch ein tolles Morgenlicht geweckt. Rundum sind die Berge mit Neuschnee bepudert und der klare Blick reicht weit ins Tien Shan. Wie gegensätzlich Stimmungen und Klima so nah beieinander sein können.

Zum Zähneputzen gibt es heißes Wasser aus der Plastikkaraffe und im Küchenzelt wartet ein appetitliches Frühstück auf uns.

Um 8 Uhr heißt es für uns und unsere Pferde Abschied nehmen. Auf der gleichen Route geht es zurück nach Tash Rabat . Die Taigans begrüßen uns schon aus der Ferne und zeigen ihre Zähne und das Chatyr-Köl-Panorama vom Pass ist nochmal so verzaubernd!! Man möchte am liebsten die Zeit anhalten.

Mittlerweile haben wir uns gut mit unseren Gäulen arrangiert. Auch sie wissen, dass es nach Hause geht und hegen vielleicht ein bisschen die Hoffnung, dass heute keine neuen blöden Touristen kommen, die hinauf getragen werden wollen.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “AUF VIER BEINEN VON TASH RABAT ZUM CHATYR KÖL

  1. Jacki schreibt:
    Avatar von Jacki

    Ihr seid ja richtig mutig mit dem Reiten, cool. da bin ich ein totaler Schisser.
    Echt, eine traumhaft schöne Landschaft und so ursprünglich mit den Jurten

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