KOLONIALSTADT MIT PLATZ: VILLA DE LEYVA

Nach einem morgendlichen Spaziergang durch Monguí sitze ich am Montag, den 02.03.2020, um kurz nach 11 Uhr im Bus nach Sogomosa, um dort gleich den nächsten Directo nach Tunja zu nehmen. Das Bussystem in Kolumbien ist wirklich famos!! Nach einer guten Stunde fahren wir in das riesige, neue Busterminal von Tunja ein, das wie ein Trabant am äußeren Stadtrand nahe der Autostrada liegt. Das Gebäude hat schon fast Airport-Dimensionen, die Gänge und Säle sind aber nahezu menschenleer. Genauso wie der Bus nach Villa de Leyva, den ich hier besteige. Doch kaum haben wir das outgesourcte Mega-Terminal verlassen, halten wir an jeder Milchkanne im Stadtgebiet von Tunja, bis der Bus voll ist.

Ich habe mich in Villa de Leyva (2.150 m) für zwei Nächte im kleinen Hostel Nibiru außerhalb der touristischen Altstadt eingebucht. Obwohl das Städtchen eher klein ist, irre ich doch eine Weile mit meinem Backpack umher, bis ich das Hostel erreiche, denn die Straßen rundum werden gerade im alten Stil restauriert und sozusagen wieder in die Kolonialzeit zurückversetzt. Ich habe größten Respekt vor diesen Straßenbauarbeitern, die ohne besonderen Arbeitsschutz bei dieser Hitze tonnenschwere Pflastersteine bewegen! Deshalb mag ich mich auch gar nicht über den in Folge entstehenden Baulärm von 7 bis 17 Uhr vor meinem Schlafzimmerfenster beschweren.

Das Nibiru Hostel wird von einem sympathischen Pärchen geführt, das ich allerdings kaum zu Gesicht bekomme. Mich empfängt eine recht fade Backpackerin, die sich hier wohl nebenbei Kost und Logis verdient. Leider teile ich mit dieser Schlaftablette auch das Zimmer. Unser Tagesablauf könnte unterschiedlicher nicht sein. Madame schläft 12 Stunden am Stück und möchte auf gar keinen Fall, dass sich in der „straßenbaufreien“ Nacht frische Luft ins Zimmer verirrt.

Nachdem ich mich eingenistet habe, mache ich mich gleich auf einen Rundgang und steuere die historische Plaza Mayor von Villa de Leyva an, die mit ihrer immensen Größe von 120 x 120 m ein ansehnlicher Schauplatz für Festivitäten und Filmaufnahmen ist.

Für die genannten Zwecke mag das recht viel hermachen, allerdings schaut der Platz zu „normalen“ Zeiten doch ziemlich verloren und überdimensioniert aus. Offenbar dürfen die Bars, Restaurants und Cafés rund um die Plaza keine Außenbereiche bewirtschaften. Da hat mir die lebendige Atmosphäre der Plaza Mayor in Jardín mit ihren alten Bäumen und den rege besuchten Cafés und Bars doch viel besser gefallen.

Sehr schön in Villa de Leyva, übrigens bereits seit 1954 UNESCO-Weltkulturerbe, sind die prachtvollen Häuser, die häufig mit wunderschönen Innenhöfen und Passagen aufwarten. Da kommt man schnell mal vom Wege ab, durchläuft ein Labyrinth, kreuzt stimmungsvolle Innenhöfe, die oft gemeinschaftlich von Geschäften oder Restaurants genutzt werden, und kommt an einer anderen Calle wieder heraus.

So ein bisschen fühlt man sich wie im Freiluft-Museum. Alle Ecken und Winkel der geschützten Altstadt sind adrett für den Tourismus rausgeputzt und auch die Angebote und Preise sind entsprechend. Obwohl Februar und März in Kolumbien zur Reisesaison zählen, herrscht seltsamerweise überall gähnende Leere.

Verlässt man den Altstadtkern Richtung Südosten zum neueren Ortsteil und zum Busterminal hin, so sinkt die Pracht und der Bauzustand der Häuser und Straßen dann auch schlagartig ins Unterirdische. Spontan entscheide ich mich, am nächsten Tag einen Ausflug ins 25 km entfernte Raquíra zu unternehmen. Ich lese im Reiseführer, dass Raquíra für seine Töpferwaren bekannt sei – ja und so drei Tage vor dem Heimflug sollte ich mich doch mal langsam nach Mitbringseln umschauen. Das Souvenirangebot in Villa de Leyva ist horrent teuer und bietet wenig Heimisches oder Hübsches.

Ein Frühstück gibt es in meinem Hostel nicht, aber eine top ausgestattete Küche. Also kaufe ich mir ein bisschen Obst, Müsli und Joghurt für den Start in den Tag. Danach schlendere ich zum nahen Busterminal, um mich dort nach einem Collectivo nach Raquíra zu erkundigen. Gleich fangen mich einige der Taxistas ab, fragen wo ich hin möchte, und geben mir zur Auskunft, dass der nächste Bus nach Raquira erst um 12.30 Uhr fährt. Sie würden mich für 60.000 COP einfache Fahrt dorthin bringen!!! Mmh, die Masche kenne ich doch, da frage ich doch lieber selber mal nach. Ich durchbreche die Taxista-Barriere und schaue in eines der kleinen Büros. Der freundliche Uniformierte empfiehlt mir die Luxuskonkurrenz Libertadores, deren riesiger, klimatisierter Bus in wenigen Minuten abfährt – für 8.000 COP einfache Fahrt.

Die trockenen, baumlosen Berge ringsum münden in einem grünen Hochtal. Hier werden Wein und Gemüse wie Tomaten, Zwiebeln, Avocado – die hier in Kolumbien übrigens 2-3 mal so groß sind, als die bei uns im Supermarkt – angebaut. Nachdem die Regenfälle immer seltener werden und der Ertrag stimmen muss, wird vieles davon leider in riesigen Plastikplanen-Gewächshäusern gezüchtet.

Nach 40 Minuten erreichen wir Raquíra. Hier steuere ich erst einmal den etwas abseits gelegenen Friedhof an. Die Friedhöfe in Peru haben mich ja immer fasziniert, sie waren oft verwildert, aber trotzdem mit Blumen geschmückt und hatten eine ganz besondere Ausstrahlung, als sei auf ihnen die Zeit stehen geblieben. In Kolumbien hingegen schauen die Friedhöfe meist ziemlich trostlos und verwahrlost aus.

Doch auf der anderen Seite der Durchgangsstraße wird’s schon beträchtlich bunter. Das Städtchen Raquíra ist auf seine ganz eigene Art schön – auf jeden Fall schön bunt und kurzweilig. Ich verbringe hier unerwarteterweise einige sehr heitere Stunden, in denen ich oft, laut und herzlich lache.

Am Marktplatz gebührt der heimischen Töpferkunst alle Ehre – hier noch in Naturton.

Befremdlich ist, dass es zwar Eifeltürme und indische Elefanten in den Souvenirläden zu kaufen gibt, aber nicht diese lustigen Apostel als Miniatur-Kopie zum Mitnehmen.

Das Angebot an Souvenirs in Raquíra ist schlichtweg atemberaubend – aber leider auch an Kitsch kaum zu toppen. Schon von außen betrachtet, sind die Läden eine Augenweide.

Es macht mir einen Heidenspaß, durch die Geschäfte zu schlendern, die in der Tiefe eine beträchtliche Ausstellungsfläche erreichen, Fotos zu schießen und an Freunde und Familie zu schicken. Jeder Zuhause darf sich sein Herzenswunsch-Souvenir aussuchen – und sich freuen, wenn ich es NICHT mitbringe.

Es gibt nichts, was es nicht in Raquíra gibt: Penis- und Busentassen neben folierten Jungfrauen, Suppen-Sets und Gartenzwerge … und eben sogar den Eifelturm, obwohl der ganz woanders steht.

Und immer wieder treffe ich auf Sparschweine in allen Größen und Farben, aber meist in der gleichen Einheitsform. Sogar einen ganzen Massen-Tiertransport konnte ich ausmachen … obwohl, vielleicht waren die Schweindl gefüllt, dann war es vermutlich ein Geldtransport.

Es ist einfach köstlich! Sicher hätte mich so eine Ansammlung an Touri-Schrott zu Anfang der Reise vor den Kopf gestoßen. Aber nun, so kurz vor Abflug in die Heimat, ist es mehr als belustigend.

In einem der Cafés an der Plaza erhole ich mich von meinen Lachattacken bei einem echten Cappucchino und spendiere auch der schicken Omi, die an der Bar mühsam ihre Münzen zusammenzählt, einen Kaffee mit Gebäck. Hat diese Señora nicht eine phantastisch positive Ausstrahlung, trotz (oder wegen) ihres Alters?! Ich bin ganz hingerissen und freue mich, dass sie mir erlaubt, ein Foto von ihr mit nach Hause zu nehmen. Eine dieser spontanen Begegnungen, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Am Nachmittag um 16 Uhr wird es nun aber auch Zeit für die Rückfahrt. Die Auskunft für den Rücktransport gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht. Am Busstopp, an dem mich heute Morgen der Libertadores-Bus abgesetzt hat, erhalte ich die Auskunft, dass kein Bus fahre. Ich solle mit dem Taxi zur Kreuzung ‚Tres Esquinas‘ fahren und dort – bei brütender Hitze – auf einen Vielleicht-fährt-er-Bus warten. Oh ne! Auf weitere hartnäckige Rückfragen und Recherchen erhalte ich den Rat, zum Office von Transvia neben der Kirche zu gehen. An besagter Stelle sehe ich allerdings nur eine gut besuchte Bar. Was soll’s, rein und fragen – und tatsächlich, das Lokal verkauft auch die Bustickets für das nächste Collectivo Público nach Villa de Leyva. Ich bin wieder einmal dankbar, dass ich zwar miserabel Spanisch spreche, aber zumindest recht gut verstehe und mir so doch irgendwie weiterhelfen kann.

In Villa de Leyva steuere ich am Abend eine Hendl-Bude an – einfach, aber super lecker! Oweh, als ich zahlen will, merke ich, dass ich ohne Geld unterwegs bin. Wie peinlich!! Ich gestehe mein Versehen – aber der Chef ist ganz entspannt: „Tranquila! Tranquila!“ ruft er mir hinterher, als ich eilig das Lokal verlasse, um meine Pesos zu holen. Noch nicht einmal ein Trinkgeld möchte er annehmen. Entgegen aller Vorwarnungen und Vorurteile vor den Banditen im kriminellen Kolumbien, habe ich mit der Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit der Kolumbianer wirklich nur beste Erfahrungen gemacht!

Nach dem Abendessen besuche ich noch einmal die große Plaza, um die Abendstimmung zu genießen. Da fällt mir über einem Lokal neben der Kirche ein Schild ins Auge: Dorfkneipe, steht darauf und auf den Laternen rechts und links lässt sich noch das Logo der Erdinger Weißbier-Brauerei erkennen. Das schreit ja förmlich nach Einkehr! Ich mache es mir auf der Bank vor der Dorfkneipe gemütlich, probiere ein patriotisches Öko-Dunkles und schwatze ein bisschen mit dem jungen Kellner Diego. Die Bier-Preise an der Plaza sind natürlich „astronomisch“: 10.000 COP fürs Lokalbier, 5.000 fürs Andina. Für ein Bier beim Hendl-Laden habe ich gerade mal 2.500 COP bezahlt.

Für den nächsten Tag, Mittwoch, den 04.03.2020, habe ich mir bereits ein Ticket für den Directo zurück nach Bogotá gekauft. Davor muss ich aber unbedingt noch in die Pasteleráa La Galleta, um die hiesige kalorienreiche Spezialität Milhoja (Blätterteig mit Sahne und viel Arequipe) zu probieren.

An diesem Morgen fragt meine Mama zum ersten Mal zaghaft über WhatsApp an, ob Corona in Kolumbien kein Thema sei. Corona? Was ist das? Da muss ich doch gleich mal googeln. Tja, ich bin Ende Januar los und habe tatsächlich absolut nichts mitbekommen von den Zuständen in Bergamo und Ischgl.

Um 12.30 Uhr fährt mein Bus nach Bogotá ab. Dieses Mal bin ich für die kalte Klimaanlage gerüstet – doch oh Graus, es wird die heißteste Busfahrt der letzten sechs Wochen: keine Klimaanlage, kein Fenster zum Öffnen und keine Vorhänge zum Schließen!! Aber zumindest habe ich Beinfreiheit, was die drei Mädels mit den langen Haxen auf der Rückbank nicht haben, ihnen stehen die Knie bis zum Kinn.

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